Das Holz

ine Solid-Body-Elektrogitarre besitzt keinen Resonanzkörper. Deshalb hängt der Klang nur von dem Schwingungsverhalten der Saite selbst und den Wiedergabeeigenschaften des Tonabnehmers und der gesamten Wiedergabekette inklusive Lautsprecher und Raumakustik ab. Das Schwingungsverhalten der Saite wird wiederum in relativ geringem Umfang vom Holz beeinflußt. Ideal wäre, wenn die beiden Auflagepunkte der Saite (Steg und Bünde) unendlich steif miteinander verbunden wären, weil dann das Ausschwingverhalten der Saite nicht durch das geringe Mitschwingen der "Halterung" beeinflußt wird.

In der Praxis gibt es aber keine unendlich steifen Materialien, so daß vor allem der relativ dünne Hals ein klein wenig mitschwingt und durch die Dämpfung des Holzes der Saite mehr oder wenig stark Energie entzieht und damit abdämpft. Der Grad des Mitschwingens ist sowohl von den Materialeigenschaften und den geometrischen Abmessungen des Halses als auch von der Anregungsfrequenz, also der Schwingungsfrequenz der Saite, abhängig. Dies hat einen gewissen Einfluß auf das Ausklingverhalten d.h. die Zeit, "wie lange der Ton stehenbleibt" und auch darauf, wie stark bzw. schnell die die einzelnen Oberwellen im Laufe dieser Zeit gedämpft werden. Die Ausführung und das Material des Halses haben daher einen nennenswerten Einfluß auf das Ausschwingverhalten.

Der Korpus selbst ist im Vergleich zum Hals sehr dick, weshalb das Holz des Korpus' im Gegensatz zur weitverbreiteten Meinung bei Solid-Body-Elektrogitarren keinen nennenswerten Einfluß auf den Klang hat. Maßgebend für den klanglichen Einfluß ist vor allem die Dämpfung, die in erster Näherung mit der Biegesteifigkeit korreliert, in deren Wert die Korpusdicke mit der dritten Potenz

eingeht - also keineswegs linear, wie oft angenommen wird. Sie können dies sehr einfach nachvollziehen, wenn Sie den Kraftaufwand zum Verbiegen einer Holzlatte mit quadratischem Querschnitt mit einer Latte mit rechteckigem Querschnitt und gleicher Breite vergleichen. Ist der Korpus dreimal so dick wie der Hals, ist bei gleichem Material und gleicher Breite die Biegesteifigkeit satte 27mal so groß! Hinzu kommt, daß die Breite zusätzlich linear in das Ergebnis eingeht. Wenn der Korpus also nicht nur dreimal so dick sondern auch viermal so breit wie der Hals ist, ergibt sich eine mehr als 100fache höhere Biegesteifigkeit. Dieses Ergebnis wird wegen der Ausfräsungen für die Tonabnehmer in der Praxis nicht ganz erreicht, zeigt aber ganz klar die Tendenz. Um negative Auswirkungen auszuschließen, sollte man für den Korpus kein sehr weiches Material mit hoher innerer Dämpfung verwenden. Spanplatten sind daher zumindest theoretisch ein denkbar ungeeignetes Material.

Verschiedene, im Gitarrenbau übliche Harthölzer kann man klanglich nicht unterscheiden (dabei bitte keine 2 völlig unterschiedlich konstruierten Gitarren miteinander vergleichen und dann den Klangunterschied auf das Korpusholz schieben, wie es in Musikerkreisen immer gerne gemacht wird!). Insbesondere spielt eine dünne Deckschicht aus besonderem Holz wie z.B. dem beliebten Vogelaugenahorn aus klanglicher Sicht keine Rolle, macht sich aber optisch natürlich positiv bemerkbar. In der Praxis ist der Einfluß des Korpusmaterials noch geringer als in der Theorie denkbar, denn der Korpus einiger Kultgitarren besteht in der Tat aus Spanplatten. Wenn es nach dem Willen einiger selbsternannter Experten ginge, müßten solche Gitarren fürchterlich dumpf klingen. Das tun sie aber nicht, ganz im Gegenteil. Wenn Sie schon relevante Einflußfaktoren suchen: Bei einer Stratocaster schwingt das obere Horn der Gitarre mehr oder minder fühlbar mit. Der Gitarre können Sie mühelos in wirklich relevantem Umfang Schwingungsenergie entziehen, indem Sie das Horn mit der Hand abdämpfen (einfach das Horn fest umgreifen). Aber können Sie dabei einen wirklichen klanglichen Unterschied wahrnehmen und sich nicht nur einreden (→ doppelter Blindversuch)? Zudem sind die Tonabnehmer der Stratocaster nicht direkt auf dem Korpus befestigt sondern auf einer nur wenige Millimeter dicken und damit nur wenig biegesteifen Kunststoffplatte. Ist es nicht naheliegend, daß -vor allem bei höherer Lautstärke- die Relativbewegung zwischen dieser Platte samt Tonabnehmern und den Saiten deutlich stärker ist, als es der Korpus je könnte - von Unterschieden zwischen verschiedenen Hölzern ganz zu schweigen?

E-Gitarre Erlenkorpus AhornhalsAuch ist es absoluter Unsinn, daß sich der Lack bei Solid-Body-Gitarren klanglich auswirkt. Dieses nicht selten gehörte Mißverständnis geht darauf zurück, daß bei Saiteninstrumenten mit Resonanzkörper dem Lack tatsächlich sehr große Bedeutung zukommt und man dies in Unkenntnis der Sachlage auch bei Solid-Body-Gitarren annimmt. Aber bei akustischen Saiteninstrumenten ist das Holz kaum mehr als einen oder zwei Millimeter dick und wird zu einem erheblichen Teil vom Lack durchtränkt, wodurch sich die Biegesteifigkeit und damit das Schwingungsverhalten, vor allem aber das Dämpfungsverhalten sehr stark ändert. Der Lack wirkt dabei ähnlich wie Gießharz, mit dem man eine Glasfasermatte tränkt: Ohne Gießharz ist die Glasfasermatte weich und biegsam. Erst bei ausgehärtetem Gießharz wird die gewünschte Festigkeit erreicht, wobei diese deutlich vom Typ des Gießharzes abhängt. Bei mehrere Zentimeter dickem Holz spielt die dünne Lackschicht aber keine hörbare Rolle, zumal die heute üblichen Lacke kaum ins Holz einziehen und somit der oben beschriebene Effekt nicht auftritt.

Der Hals spielt hingegen durchaus eine Rolle: Dieser ist lang und dünn und schwingt deshalb auch in nenneswertem Umfang mit, wenn man nicht gerade auf sehr hohen Bünden spielt. Hier ist nicht nur das Material für das Schwingungsverhalten wichtig sondern auch in gewissem Umfang auch die Form. Denn ein U-förmiger Hals besteht bei gleicher Dicke aus mehr Material als ein D- oder gar V-förmiger Hals, sodaß er ein höheres Trägheitsmoment (="Biegesteifigkeit") besitzt, was indirekt eine geringere Dämpfung bedeutet. Aufgrund der geringen Gesamtdicke eines Halses spielt es durchaus eine Rolle, aus welchem Material das Griffbrett besteht, da es daran einen nennenswerten Anteil hat und zudem über die gesamte Halsbreite reicht, während der Hals auf der Rückseite ja abgerundet und damit schmäler ist. Dabei ist das heute selten gewordene Ebenholz, das übrigens eine so hohe Dichte hat, daß es in Wasser untergeht, und so hart ist, daß es mit Werkzeugen zur Metallbearbeitung bearbeitet werden muß, deutlich biegesteifer als das weitverbreitete Palisander ("Rosewood") oder als Ahorn.

Leider halten sich nicht nur die o.g. unzutreffenden Gerüchte hartnäckig, weil im Handel keine absolut baugleichen E-Gitarren angeboten werden, die sich nur durch ein einziges Detail wie z.B. ein anderes Holz für den Korpus unterscheiden. Vielmehr wird oft Gitarre A mit Gitarre B verglichen und der klangliche Unterschied vor allem auf ein besonderes Detail zurückgeführt ohne zu berücksichtigen, daß es noch viel mehr konstruktive Unterschiede gibt, von denen viele zudem nicht augenscheinlich aber klangbestimmend sind. Um es einmal anhand eines Vergleichs zu sagen: Wenn man nicht so genau weiß, wie Autos funktionieren, könnte man auf die Idee kommen, daß ein Porsche Turbo vor allem wegen seines großen Heckspoilers schneller fährt als ein VW Golf, da der ahnungslose Beobachter den eminent wichtigen Motor gar nicht sieht. Genauso lächerlich wie dieses Beispiel ist leider auch so manche Argumentation von Klangunterschieden. Sehr oft wird beispielsweise die Gibson Les Paul mit der Fender Stratocaster verglichen, wobei die tatsächlich vorhandenen Klangunterschiede meistens mit dem Korpusmaterial (Mahagoni mit Ahorndecke statt Esche bzw. Erle) begründet werden. Daß bei der überwiegenden Mehrheit der Les-Paul-Modelle Humbucker statt Single Coils verbaut sind, diese an einer ganz anderen Position sitzen und sowohl eine andere Resonanzfrequenz als auch Güte besitzen, der Hals aus Mahagoni statt Ahorn besteht, die Mensur kürzer ist, die Brücke ganz anders konstruiert ist und vieles Andere mehr, wird gern unterschlagen oder vernachlässigt. Ähnlich ist es, wenn die Diskussion z.B. um die Brückenkonstruktion geht; es wird dann nämlich gern argumentiert, daß eine Les-Paul-Brücke weich klingt und eine Stratocaster-Brücke aggressiv, weil eben eine Les Paul weicher klingt als eine Stratocaster. Der ganze Rest wird dann einfach ignoriert.